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Seit 1998 Begabtenförderung im Praxisbereich

Der Landesschulrat für Niederösterreich gab beim 1. ECHA-Lehrgang auch Praktikern die Chance, das ECHA-Diplom anzustreben. Diese Chance habe ich wahrgenommen und mit der Talenteförderung im Schuljahr 1998/99 begonnen. Im Nov. 1999 bekam ich mein ECHA-Diplom überreicht. Seit dieser Zeit bin ich an meiner Schule für die Begabtenförderung für den praktischen Bereich zuständig.

Berufliche Begabung

Ich war immer schon der Meinung, dass es nicht nur im Theoriebereich besondere Begabungen gibt sondern auch bei den Praktikern. Eine genaue Definition zur Klärung des Begriffes “berufliche Begabung” konnte ich noch immer nicht in Erfahrung bringen. Die Kluft zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung soll durch die berufliche Begabtenförderung aber kleiner werden.

Eine Ursache für das Forschungsdefizit ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass es nur sehr wenige oder überhaupt keine Experten gibt, die einerseits eine Berufsausbildung besitzen, andererseits berufspädagogisch und psychologisch geschult sind und gleichzeitig in beiden Bereichen Erfahrungen nachweisen können. Auf beiden Seiten müsste ein disziplinübergreifendes Forschungsinteresse vorhanden sein.

Leider muss ich immer wieder feststellen, dass gerade im beruflichen Leben dies nur sehr selten der Fall ist. Ich bin auch zur Überzeugung gekommen, dass man bei der Auswahl der Talente für berufliche Begabung besonders auch auf psychomotorische und soziale Fähigkeiten achten muss und nicht nur den kognitiven Bereich dazu heranziehen darf.

Meine persönlichen Kriterien, nach denen ich die Auswahl treffe:

  • SchülerInnen, die besonders durch kreative Leistungen im praktischen Unterricht aufgefallen sind und die durch Fleiß und Motivation in der Lage sind, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, Spaß daran haben und deshalb von Anfang an zur Spitze einer Praxisgruppe gehören.
  • SchülerInnen, die bei Problemlösungen während des praktischen Unterrichtes häufig stören, trotzdem ausgezeichnete Leistungen erbringen und bei denen ich der Überzeugung bin, dass sie mit den Aufgaben im Unterricht unterfordert sind.
  • SchülerInnen, die sich freiwillig wiederholt zu verschiedenen Praxiseinsätzen melden, auch wenn sie dadurch keinen finanziellen Vorteil haben und diese Einsätze zusätzlich in der Freizeit stattfinden.
  • SchülerInnen, die in theoretischen Fächern (Sprachen, Rechnungswesen, usw.) große Schwierigkeiten haben, jedoch in den praktischen Fächern zur Spitze gehören.
  • SchülerInnen, die großes Organisationstalent besitzen, bereit sind Verantwortung zu übernehmen und absolut zuverlässig sind.
  • SchülerInnen, die psychomotorisch sehr geschickt sind und die auch schwierige Handfertigkeiten sehr rasch nachvollziehen können.

Die ausgewählten Schüler/innen werden von mir persönlich angeschrieben - die Teilnahme ist freiwillig.

Die Ausbildung

Begonnen habe ich mit dem Thema Speiseeiserzeugung in der Gastronomie. Danach folgte das Thema Brot und Spezialgebäck: „Der Koch als Bäcker.“

Bei der Speiseeisgruppe und auch bei den „Bäckern“ habe ich das „Tandemlernen“ eingeführt. Das bedeutet, dass ein Schüler/eine Schülerin vom Vorjahr mit einem neuen Schüler/mit einer neuen Schülerin Speiseeis produziert bzw. Brot und Gebäck herstellt.

In Zusammenarbeit mit unserer Partnerschule in Brünn dürfen zwei Schüler/innen in der schuleigenen Zuckerbäckerei zum Thema „Dekor von Süß- und Mehlspeisen für besondere Anlässe“ pro Schuljahr eine Woche lang wertvolle Erfahrungen sammeln und danach anhand einer PowerPoint Präsentation berichten.

Die Themen habe ich deshalb gewählt, weil sie in unserem Lehrplan nicht vorkommen und der "begabte" Praktiker eben mehr an Ausbildung bekommen sollte. Es entstand bald der Eindruck unter den Schüler/innen, dass man für diese Tätigkeiten besonders begabt sein müsste - was natürlich nicht stimmt.

Ich entschloss mich deshalb auch noch zusätzlich frei gewählte Themen durch den Schüler/durch die Schülerin zuzulassen wie zum Beispiel:

„Wild cooking“ – von der Jagd zum kulinarischen Leckerbissen“, „Das Kaffeehaus im Wandel der Zeit“, „Essen: Genuss oder Qual?“, „Boom oder Chance? Österreich: Eine Insel im Wellnesstourismus“ usw.

Der Schüler/die Schülerin organisiert sich, nach einem intensiven Gespräch mit mir, über das Ziel seines Projektthemas, einen Betrieb bzw. qualifizierte Personen selbst. Diese Fachleute erklären sich bereit die notwendigen Informationen zu geben bzw. den Schüler/die Schülerin mitarbeiten zu lassen, um so einen großen Einblick in das berufliche Geschehen zu bekommen.

Volle Unterstützung durch die Direktion

Die Direktion hat die für die Durchführung der Begabtenförderung notwendigen Maßnahmen grundsätzlich genehmigt und sowohl Dir. HR Mag. Hermann Wührleitner als auch seine Nachfolgerin Frau Direktorin Mag.ª Birgit Wagner stärkten bzw. stärkt mich besonders in meiner Tätigkeit.

Der Schüler/die Schülerin muss das Fernbleiben vom Unterricht rechtzeitig bekannt geben und vom Jahrgangs- bzw. Klassenvorstand am Anfang des Schuljahres unterschreiben lassen.

Das Ausmaß darf fünf Tage hintereinander nicht übersteigen. Begründete pädagogische Einwände von Klassenlehrern bezüglich der Freistellungen (z.B. wichtige Schularbeiten, Schulveranstaltungen, Lernschwächen etc.) sind gesondert mit mir, dem Jahrgangs- bzw. Klassenvorstand und der Frau Direktorin abzuklären.

Jeder Schüler/jede Schülerin verpflichtet sich, den Fortgang der Projektarbeit mindestens zweimal im Monat mit mir zu besprechen. Außerdem führt jeder Schüler/jede Schülerin ein Tagebuch über seine/ihre Arbeit in- und außerhalb der Schule. Er/sie dokumentiert mit Datum die Tätigkeit, womit er/sie sich in dieser Zeit beschäftigt hat.

Ich verspreche mir sehr viel von dieser zusätzlichen Ausbildung und bin überzeugt, dass ich während dieser Zeit auch noch selbst viel dazulernen kann und Erfahrungen sammeln werde. An der Begeisterung und am Engagement meiner Schüler/innen merke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Josef Sailer

 

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